‘Der Vorleser’ – eine Buchrezension

Der VorleserAls der Erzähler fünfzehn und krank war, begann er eine Beziehung mit einer älteren Frau. So fängt ‚Der Vorleser‘ von Bernhard Schlink an – das Buch ist so benannt, weil er ihr Bücher vorließt. Eines Tages verschwindet sie ohne Ankündigung. Später finden wir heraus, während der KZ-Prozess beschrieben wird, dass sie als Aufseherin in einem KZ gearbeitet hat. Das Buch teilt sich in drei Teile: vor dem Prozess, während des Prozesses, und nach dem Prozess.

Die Unschuld der Jugendzeit, wenn die Beziehung des Junges mit der älteren Frau auch unkonventionell ist, ist im ersten Teil lebhaft dargestellt. Da der Erzähler sich die Vergangenheit ins Gedächtnis zurückruft, um die Geschichte zu erzählen, unterstützt den Leser die Nüchternheit der Erinnerung beim Verstehen. Abgesehen davon wird infolge der geheimen Beziehung die Aufregung und Verwirrung des Jungen erkennbar. Was er gefühlt hat, fühlt der Leser auch. Kein Detail geht dabei verloren – der Erzähler sagt, er schreibt nur über das was wichtig ist, und was nicht beschrieben wurde, dürfte demnach nicht so wichtig sein.

Den zweiten Teil fand ich deutlich schwieriger zu verstehen. Allein der Satzbau ist komplizierter geworden. Die Sätze sind auch länger. Ich vermute, der Autor hat das mit Absicht gemacht, um das relativ sorgenfreie Erleben des Jungen am Anfang von dem ernsten KZ-Prozess, der den Deutschen eine vielschichtige und komplexe Erfahrung war, zu unterscheiden. Der KZ-Prozess war natürlich kompliziert. Die Reaktion der Menschen und wie sie, insbesondere die jüngere Generation, sich um die Enthüllung der Schuld ihrer Eltern kümmern, war noch komplizierter. Die Schwere des Gedankenprozesses spiegelt sich in der Sprache dieses Teiles wieder.

„Was hätten Sie denn gemacht?“ Diese Frage zählt zu einem der herausstechensten und eindrucksvollsten Momenten des Buchs. Zusammen mit den Zuschauern im Gerichtssaal habe ich den Atem angehalten, als Hanna dem Vorsitzenden Richter diese Frage stellte. Die Frage müssen sich auch viele Deutsche seit dem Krieg gestellt haben. Noch ein mächtiger Moment war die Erkennung des Analphabetismus Hannas. Es kommt wie ein Schock. Dieses Wissen ändert alles, einschließlich dem Verständnis des Lesers von ihrer Schuld. Im Gerichtssaal ändert sich die Darstellung Hannas im Gegensatz zu vorher: Sie besitzt nicht mehr die mächtige, sichere Rolle gegenüber dem unsicheren und naiven Jungen. Im Gegenteil sieht sie nicht selbstbewusst, sondern naiv und hilflos aus. Trotz ihrer Tat kann ich mit ihr sympathisieren. Der Autor gewährte damit einen Einblick in eine große Frage – und zwar: Wie können gute, normale Menschen nur so schlimme Verbrechen begehen?

Was mich im dritten Teil des Buchs beeindruckt, ist, was für einen großen Einfluss eine solche Beziehung, im Alter von fünfzehn, auf den Rest des Lebens ausüben könnte. Erfahrungen und Gefühle, die der Protagonist im Laufe seines Lebens erlebt, bringen die entsprechenden damaligen Erfahrungen und Gefühle zurück. So ist unser ganzes Leben von der Kindheit und Jugendzeit geprägt.

Zwei Fragen an Euch:

1. Warum hat Hanna behauptet, sie habe den Bericht geschrieben, obwohl sie nicht schreiben konnte? Ich glaube, sie hatte nicht genug Selbstbewusstsein, um die Gewichtigkeit ihrer Tat wirklich zu erkennen. Ich kann nur mutmaßen, dass sie die Verantwortung für den Bericht übernommen hat, um ihren Analphabetismus geheim zu halten. Lohnt sich das, eine lebengslängliche Strafe in Kauf zu nehmen?

2. Warum hat Hanna sich erhängt? Hatte sie Angst vor dem Leben außerhalb des Gefängnises? Hat die Schuld sie überfordert? Wenn ja, warum hatte sie ihr Leben nicht früher geendet?

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